Thema: freiräume

Sozial und luxuriös

Ihr Haus sollte freizeittauglich und gemeinschaftsfreundlich sein, das Leben darin aber auch gesellschaftspolitischen Ansprüchen genügen: Wohnen, Kultur und Integration lauteten die Schlagworte der ersten Stunde,

Wohnheim Miss Sargfabrik, Wien
Planung: BKK-3

Nach dreijähriger Bauzeit wurde die Sargfabrik 1996 eröffnet und erhielt noch im selben Jahr den Adolf-Loos-Preis – „nicht zuletzt für unsere Form der innerstädtischen Verdichtung“, erklärt Sumnitsch. BKK-2 haben mit ihren Neubauten vor allem im Inneren des gründerzeitlichen Baublocks zwischen Goldschlagstraße und Matznergasse eine hohe stadträumliche Qualität geschaffen, ohne den angrenzenden Altbestand – Wohnungen, Gärten, kleine Manufakturen – dadurch zu bedrängen. Im Gegenteil, sie integrierten und adaptierten auch ein altes Miethaus sowie den Schornstein – als Zeugnis der ehemaligen Sargfabrik – in ihren Komplex. Den etwas makabren Namen bezieht der Wohnbau von seinem Standort im 14. Gemeindebezirk, auf dem sich einst die bedeutendste Fabrikationsstätte für Särge in der gesamten Donaumonarchie befand. Die unerwartete Publicity wiederum verdankt er der innovativen und für Wien unorthodoxen Wohnphilosophie der Architekten und Bewohner.

Trotz einer gewissen Dichte – auf 4.700 m2 Grundfläche wurden 7.600 m2 Nutzfläche realisiert – verfügt die Anlage, die von beiden Straßenseiten aus öffentlich zugänglich ist, über attraktive Freiräume: allen voran die weitläufigen Dachgärten, die gemeinschaftlich genutzt und vielfältig begrünt sind – auch mit Obstbäumen und Gemüsebeeten; daneben ein Hof mit großzügigem Biotop, ein Kinderspielplatz und eine Ballspielwiese sowie – jeder der 73 Wohnungen zugeordnet – offene Laubengänge und Balkone.

Um alle architektonischen Vorstellungen verwirklichen zu können, bedurfte es jedoch eines „Kunstgriffs“ der Bauherren: Sie widmeten die Anlage als „Wohnheim“ und waren damit in der Lage, manch hinderliche oder auch kostentreibende Vorgabe der Wiener Bauordnung zu umgehen. So ersparte man sich beispielsweise die obligaten Vorräume und durfte Standardgrößen von Zimmern unterschreiten – zu Gunsten individueller Lösungen für die künftigen Bewohner. Auch das Garagengesetz, demzufolge für jede Wohnung ein Abstellplatz zu schaffen ist, schreibt für Wohnheime nur eine 10-prozentige Deckung vor. Drei dieser erforderlichen Garagenplätze wurden in der Sargfabrik als Car-Sharing-Plätze konzipiert, auf der verbleibenden Stellfläche drängen sich heute die Fahrräder der Bewohner.

„Allein der Verzicht auf eine Tiefgarage ermöglichte uns die Finanzierung zahlreicher Gemeinschaftseinrichtungen“, macht Architekt Sumnitsch die Dimension dieser Einsparung bewusst. Im Unterschied zu normalen Wohnhäusern werden bei Wohnheimen auch Gemeinschaftsflächen gefördert. Das Café-Restaurant in der Sargfabrik musste dafür lediglich als „Heimküche“ bezeichnet werden, die Becken im Badehaus wiederum gelten als „Gemeinschaftsbadewannen“.

Geschenkt wurde den Mietern dennoch nichts. Franz Sumnitsch, der selbst in der Anlage lebt, zahlte für seine 100-m2-Wohnung einen Finanzierungsanteil von rund 800.000 Schilling, wovon etwa 150.000 Schilling auf die kollektiven Einrichtungen entfielen. Dasselbe gilt für Miete und Betriebskosten in Höhe von monatlich knapp 8.000 Schilling – allein 500 Schilling gehen davon direkt an das Restaurant, das ohne Zuschüsse nicht bestehen könnte. Ebenfalls dotiert wird das Kulturbudget der Sargfabrik sowie ein Sozialfonds: Dieser kommt Bewohnern in finanzieller Notlage zu Gute – denn kommunale Wohnbeihilfe gibt es für Heime keine.

„Die Bauordnung ist kein Hindernis für innovative Architektur, man muss nur kreativ damit umgehen“, betont Johann Winter und veranschaulicht dies anhand der stark differierenden Raumhöhen in den Wohnungen: „Das vorgeschriebene Mindestmaß beträgt 2,50 Meter – wir gingen teilweise auf 2,26 Meter herunter, was für Badezimmer und Nebenräume völlig ausreicht. Ebenso für Schlafzimmer, die wir mit dieser Geschoßhöhe allerdings als Abstellräume definieren mussten. Dafür sind die Wohnzimmer bis zu 5 Meter hoch, womit wir die niedrigeren Räume auch rechnerisch aufwogen und dem Gesetz Genüge taten.“

So konnten BKK-2 unter einem Dach abwechslungsreiche Raumfolgen und unterschiedlichste Wohnungstypen unterbringen – ebenso wie eine Vielzahl anderer Nutzungen: vom Vereinsbüro, das den Kulturbetrieb der Sargfabrik und die Hausverwaltung managt, über einen Veranstaltungssaal für 240 Personen und einen Seminarraum, bis hin zu einem Montessori-Kindergarten und einem Waschsalon – der auch als Ort der Kommunikation konzipiert wurde.

Die Fortsetzung

Von außen wirkt die mehrgliedrige Wohnanlage äußerst homogen. Die Fronten der Nord-Süd-orientierten Wohnungen sind großteils verglast und sorgen für helle – und im Winter wohltemperierte – Räume. Charakteristisch sind die schräg nach außen geneigten Brüstungen der Laubengänge und Balkone – vor allem aber auch die orange Fassadenfarbe, durch die sich die Sargfabrik von der benachbarten Bebauung deutlich abhebt. Das Orange wurde zum Markenzeichen und fand bei der Erweiterung der Anlage – auf einer Eckparzelle einen Baublock weit entfernt – erneut Anwendung. „Miss Sargfabrik“ lautet die Bezeichnung dieses im Vorjahr fertiggestellten Projekts von Winter und Sumnitsch, die mittlerweile unter BKK-3 firmieren.

Wir holten für die Planungen das Feedback der Bewohner aus der Sargfabrik ein, um unser Konzept weiterzuentwickeln und notwendige Ergänzungen zum ersten Projekt zu schaffen“, skizziert Architekt Sumnitsch die Phase bis zum Baubeginn 1999. Der Verein für integrative Lebensgestaltung – auch dieses Mal Bauträger – wünschte sich für die Miss Sargfabrik unter anderem einen Clubraum, der von Jugendlichen selbst verwaltet und bespielt werden kann, sowie prinzipiell eher kleinere Wohnungen. Auf 850 m2 Grundfläche, also soviel wie sonst oft ein Einfamilienhaus verbraucht, schufen die Architekten über 4.000 m2 Nutzfläche – zur Straße bzw. zu einem intimen Hof hin orientiert, der zugleich Erschließungs- und halböffentlicher Aufenthaltsraum ist. Auch die hofseitigen, nach Süden orientierten Laubengänge erfüllen beide Funktionen: Mit Breiten bis zu drei Meter sind sie nachbarschaftliche Kommunikationszone, erweiterte Wohnfläche und halbprivate Freifläche zugleich.

Landschaft im Haus

Die Apartments bieten – wie schon in der Ur-Sargfabrik – räumliche Spannung: Charakteristisch sind hier die fließenden Übergänge zwischen den unterschiedlich hohen Wohnbereichen in Form von schiefen Ebenen – am Boden wie am Plafond. Die Raumhöhen variieren von 2,26 bis 3,12 Meter. An der Fassade sind diese Höhensprünge nachvollziehbar. Der räumliche Luxus und auch der Bonus großflächiger Glasflächen wird nicht nur einigen wenigen Großwohnungen zuteil, sondern zeichnet auch die kleinen Einheiten aus. Durch die umfassende Mitbestimmung der Bewohner gleicht keine Wohnung der anderen. Die geknickten Trennwände zwischen den Wohnungen ergeben – quasi nach dem Prinzip des Yin und Yan – Sohneinheiten unterschiedlichen Charakters. Während die einen sich zum Laubengang hin öffnen, damit auch irgendwie mehr von sich preisgeben, weiten sich die anderen nach hinten und schaffen nur durch diese Umkehrung völlig andere Bezüge zwischen Innen- und Außenraum.

Auf Niveau des um zwei Meter abgesenkten Innenhofs setzen fünf Triplexwohnungen mit Ateliercharakter an, die als Home Offices dem Trend zum Arbeiten und Wohnen an einem Ort Rechnung tragen. Auch BKK-3 haben in einem dieser Studios ihr Büro. Die Raumhöhe erreicht hier teils 4,10 Meter, und zusätzlich gibt es jeweils noch einen direkten Zugang von der Straße.

An die Spitze getrieben wurde das Prinzip der dreidimensional gefalteten Bauskulptur in den kollektiven Einrichtungen. Eine Bibliothek, einen Partyraum mit Küche, einen Waschsalon, einen Raum in dem Telearbeitsplätze eingerichtet werden können und einen Clubraum für Jugendliche gibt es in der Miss Sargfabrik. Sie sind nicht in irgendwelchen Restflächen untergebracht, sondern ihrer Gestaltung galt allerhöchstes Augenmerk. Sie erstrecken sich über mehrere Geschoße und sind durch Zwischenwände aus Glas als räumliche Einheit zu erleben. Was sich im Hof, auf den Laubengängen und in den Wohnungen bereits angekündigt, ist hier konsequent umgesetzt: gebaute Landschaften mit Steilhängen und Graten, Senken und Mulden, sich verändernden Perspektiven und überraschenden Durchblicken.

In einer kleinen Gästewohnung können Vereinsmitglieder Besucher beherbergen und vielleicht sogar all jene „probewohnen“, die keinen Platz mehr in den beiden Anlagen gefunden haben. Allein für die 39 Apartments in der Miss Sargfabrik gab es 400 Anmeldungen, zu Baubeginn waren 50 Prozent der Wohnungen vergeben. Der durch das Modell „Wohnheim“ bedingte Umstand, dass man trotz relativ hoher Eigenmittel kein direktes Wohnungseigentum erwerben kann, tut der Attraktivität der beiden Komplexe offensichtlich keinen Abbruch. Die einzigartige Möglichkeit der Mitbestimmung und Mitgestaltung an der Entwicklung der gesamten Einheit, an der jeder der knapp 200 Bewohner Anteilseigner ist, scheint dies mehr als aufzuwiegen.

Obwohl sich bereits eine ansehnliche Zahl von Bauträgern vor Ort von der Sinnhaftigkeit und Funktionieren dieser anderen Art von sozialem Wohnbau überzeugt hat, haben Sumnitsch und Winter bis jetzt nur an den beiden Sargfabriken ihre Visionen vorexerzieren können. Es wäre nicht uninteressant, wie sie diese Erfahrungen unter üblichen Wohnbaubedingungen umsetzen können. Bereits nach fünf Jahren lässt sich feststellen, dass die Ziele des Vereins – Wohnen, Kultur und Integration – erfüllt wurden: Sargfabrik und Miss Sargfabrik sind moderne Niedrigenergiehäuser und stehen für ökologisches Wohnen. Die Kulturveranstaltungen, das Badehaus sowie das Café-Restaurant beleben das gesamte Viertel. Und schließlich wurden 15 Prozent der Wohnungen an alte Menschen, geistig- und körperlich Behinderte, Flüchtlinge, Studenten sowie an eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft von Jugendlichen vergeben. Franz Sumnitsch betrachtet die beiden Sargfabrik-Projekte deshalb auch nicht als Wohnbauten, sondern als eine offene Kommunikations- und Begegnungsstätte, die über ihre Grenzen hinaus in die Zukunft weist: „Ich finde, wir haben der Stadt mittlerweile mehr zurückgegeben, als wir an Wohnbauförderung von ihr erhielten.“

Reinhard Seiß


Kunst der Leere

In Köln, Berlin und Wien erproben Architekten neue Formen des Wohnens
Von Hanno Rauterberg

Eifrig rappeln die Wohnmaschinisten, ungebrochen ist ihr Glaube an die Macht der Haustechnik. Fenster, die bei Regen von allein schließen, Rollläden, die auf Zuruf herunterrasseln, Badewannen, die sich per Internet-Kommando füllen - das sind die jüngsten Verheißungen der Bau- und Computerindustriellen. Intelligente Architektur nennen sie diesen dioden- und kabelumschlungenen Wohntraum. Und verschweigen, dass in den High-Tech-Hütten vor allem die Intelligenz der Bewohner gefordert ist, um die vielen Regler, Schalter, Knöpfchen zu beherrschen. Das Haus dient nicht mehr, sondern will bedient sein und liefert die Bedienungsanleitung gleich mit.

Gehört also die Zukunft des Wohnens den Programmierern? Zumindest haben die Architekten den Techniktüftlern im Moment nur wenig entgegenzusetzen. Seit Jahrzehnten entwerfen sie immer dieselben Grundrisse für immer die gleiche Vierkopf-Idealfamilie, vor allem der Geschosswohnungsbau (wie hässlich allein der Begriff!) ist durch Einfallslosigkeit gestraft. Wer also nicht ins eigene Häuschen am Stadtrand flüchtet, dem bleibt meist nur der Neubaustandard mit niedrigen Decken und Miniküche - eingezwängt ins Schema F.

Doch der Widerstand wächst, gemeinsam mit dem Wohnungsleerstand. Im Kölner StadtteilEhrenfeld zum Beispiel, einst ein Malocherviertel, quartieren sich immer mehr Werbeschmieden und Internet-Designer ein, um zu wohnen und zu arbeiten. Nicht etwa, weil hier durchdigitalisierte Zukunftshäuser stünden. Nein, gerade die rüde Gegenwart des Vergangenen, das Leben im Leerraum aufgelassener Fabriken, lockt die Bildschirmbastler. Und so groß ist die Nachfrage nach dem Unpräparierten, nach Wohnungen ohne vorgestanzten Grundriss, dass sich Bauherren fanden, die auch im Neubau das Offene wagen wollten.

 Sie beauftragten Arno Brandlhuber und Bernd Kniess, zwei junge Architekten aus Köln, die sich ein paar Tage zurückzogen, um mit Bauklötzchen ein Modell zu basteln, einen kompakten Block mit komplexem Innenleben. So oder gar nicht wollten sie das Haus bauen, erklärten sie den Auftraggebern; dafür werde das Ganze auch nur 2000 Mark pro Quadratmeter kosten. Etwas verdutzt ob der Entschiedenheit waren die Bauherren schon, und doch stimmten sie zu. Es lockte die Rendite.

Heute sind alle Wohnungen längst verkauft, zu üppigen Preisen. Seit einem Jahr ist das Haus nun fertig und doch immer noch im Bau, denn entstanden sind Räume, die von ihren Bewohnern erst erobert und vereinnahmt werden wollen. Es ist eine Architektur, die so kompromisslos auftritt wie ihre Architekten - und gerade deshalb vielfältigste Formen der Aneignung ermöglicht. Keinen Flur, keine Küche, kein Bad hat B&K+, so der Name des Architektenbüros, in den Wohnungen eingeplant, stattdessen bauten sie einen raffinierten Einheitsraum, der sowohl in der Tiefe als auch in der Höhe alle möglichen Ein-, Unter- und Aufteilungen erlaubt. Im Rohzustand öffnet sich ein Drittel jeder Wohnung zu einer zweigeschossigen Halle von rund sechs Meter Höhe, die man nach Belieben mit Galerien oder Zwischendecken füllen kann. Lange ließen sich die meisten Bewohner nicht bitten: Kabuffs und Kemenaten wurden eingebaut, Tonstudios und hängende Toiletten. Die Hochbettästhetik einstiger WGs findet ihren Nachhall - und die Architekten würden bei so viel Heimwerkeridylle am liebsten beide Augen zukneifen. Auf ihre Einrichtungsideen griffen nurr zwei Käufer zurück, die übrigen suchten nach ihrer persönlichen Wohnwahrheit. Jeder lebt hier im selben Modul und hat sich doch sein ganz Eigenes geformt: Brandlhuber und Kniess ist eine standardisierte Vielfalt gelungen, ein Fertighaus der Marke Eigenbau.

 Baugesellschaften wollen immer nur Mittelmaß

 Ganz zurückgenommen haben sich die beiden Architekten aber keineswegs: Ihre Wände und Decken aus rustikalem Konstruktionsbeton, die Dielenböden aus dunkler Eiche prägen die Räume. Obwohl dieses Haus also viele Freiheiten eröffnet, ist es keine neutrale Nutzfläche. Auch außen nicht, wo man zunächst nur eine langweilig-strenge Kiste zu sehen meint, auf den zweiten Blick sich aber die vermeintliche Gewissheit verliert. Ein Mosaik aus Riesen-,
Schlitz-, Schiebe- und Klappfenstern öffnet die Fassade, und goldglänzende Rahmen durchziehen die grünlich schimmernde Plastikhaut des Hauses. Vor allem dank dieser Materialien, edel und billig zugleich, beiläufig und doch von keinem Baumarkt angeboten, erscheint das Gebäude enthoben, ohne zu stolzen. Statt das Authentische, das Echte zu beschwören, setzt B&K+ aufs Modische und Doppeldeutige.Wirkt die Vorderseite durchscheinend und sacht, gibt sich die Rückseite ruppig. Ein mächtiger Betonkörper kragt weit aus der Fassade, hier dringt das ungeschminkte Innere nach außen. Statt ein Treppenhaus zu bauen, haben B&K+ diesen quasiöffentlichen Stiegenerker vor ihr Gebäude gehängt, zugleich einige Blumenrabatten und Sitzecken eingeplant und viel Geld
 gespart. Eingezogen sind aber doch vor allem wohlhabende Lebensstilisten, von denen einige in ihren Ateliers auch wohnen und an lauen Sommerabenden den Rasen ihres Dachgartens mähen. Kinder gibt es hier nicht, dafür einen Zahntechniker, ein paar Designer, drei, vier Pärchen. Besonders glücklich sind die Architekten über diese Gleichförmigkeit natürlich nicht. Immer noch hoffen sie darauf, dass aus ihrem Haus ein Modell werden könnte, eines, das in vielen
deutschen Städten ganz ähnlich und für alle gebaut werden könnte.

 In Berlin etwa, das steinern und vergangenheitsschwer allem Ungewohnten widerstehen will und wo man ein Etagenhaus wie das des Architekten Wolfram Popp am Prenzlauer Berg eigentlich gar nicht erwartet. Dabei war es dort gar nicht so sehr die konservative Baupolitik, die Popp zu schaffen machte, sondern das Zaudern der Bauträger und Baugesellschaften. Die wollten Mittelmaß, nichts, was ihrer Vorstellung vom Normalbedürfnis des Normalbewohners zuwiderlief. So blieb Popp nur eines: Er musste sein eigener Bauherr werden.

Das Grundstück für sein Haus hatte er sich selber ausgesucht, es gelang ihm auch, dieses von der Stadt zu kaufen, obwohl er eigentlich gar kein Geld hatte. Denn noch ehe der Kaufpreis fällig wurde, hatte er für sein ungebautes Gebäude bereits einen Käufer gefunden. Popps Tollkühnheit zahlte sich aus - nun hat er gleich neben dem ersten einen zweiten, fast identischen Bau geplant, der gerade fertig wird.

 Zur Straße wirken die beiden Häuser fast ein wenig verschlossen und graumäusig, wer aber die Wohnungen betritt, erfährt eine überraschende Detailfreude. Wie in Köln spannt sich auch hier der Raum von der Straße bis zum Hof, wieder ist die Decke aus Beton, wieder dominiert der Boden durch seine Farbe, diesmal allerdings durch ein Tiefseeblau aus Kunstharz. Entlang der Fenster hebt Popp den Boden und die Decke an, und gewinnt damit ein
kniehohes Podest, eine Estrade, die dazu einlädt, hier seinen Schreibtisch oder die Matratze aufzubauen. Dank dieses Randstreifens fließt der Raum nicht, sondern wird gebremst und bekommt etwas Körperliches, Skulpturales. Verstärkt wird dieser Eindruck noch durch Popps Kiemenwand, einen Paravent, dessen Flügel in einer Schiene befestigt sind, sodass man sie frei herumschieben und den Raum je nach Bedarf abschirmen oder öffnen kann. Bad und
 Küche lassen sich hinter der raffinierten Faltwand verbergen. Ein Leben im Einheitsraum heißt also nicht, ständig aufs dreckige Geschirr blicken zu müssen.

 In seinem zweiten Haus hat Popp in einigen Wohnungen noch weitere Trenn- und Schiebewände eingebaut, selbst Zimmerchen für Kinder wurden der Großfläche abgezwackt. Es gibt bei ihm keinen Zwang zur Offenheit, denn obwohl seine Gestaltungsvorstellungen sehr klar und bestimmt sind, will er mit seiner Ästhetik niemanden bekehren. Eher versteht sich Popp als Beobachter mit offenen Augen und Ohren, einer, der sich erst einmal ausführlich mit seiner Putzfrau berät, bevor er wichtige Entscheidungen trifft, und für den die vielen hundert Führungen, die er durch sein Haus gemacht hat, so etwas wie Lehrstunden waren. Dass Wohnwünsche und Wohnwirklichkeit oft auseinander klaffen, liegt vor allem an den großen Bauträgern, sagt Popp. Für die seien Menschen nur Bewohner und Architekten Befehlsempfänger - und dann wunderten sie sich darüber, dass sie auf dem Billigstandard sitzen blieben, in den sie selbst nie einziehen würden. Er hingegen habe bereits jetzt fast alles verkauft, und wohnt auch in seinem eigenen Haus, wenn auch nur zur Miete (14 Mark pro Quadratmeter, kalt). Für Eigentum reicht das Geld nicht.

Ähnlich sind auch Franz Sumnitsch und Johann Winter aus Wien in ihrer eigenen Architektur zu Hause: Mit ihrem Büro BKK-3 haben sie eines der erstaunlichsten Wohnbauprojekte der letzten Jahre gebaut. Auf dem Gelände einer ausgedienten Sargfabrik planten sie für einen Wohnbauverein, der sich mit dem anonymen Nebeneinander der üblichen Mietshäuser nicht mehr abfinden wollte, so etwas wie ein kleines Stadtviertel. Nicht nur Wohnen und Arbeiten
 finden hier zusammen, sondern auch die Freizeit, die sonst ausgelagert wird in Diskos, Fitnessclubs oder Kaffeehäuser, hat hier ihren Ort. Eine Bar, einen Tanzkeller und ein Schwimmbad hat BKK-3 zusammen mit den Wohnhäusern errichtet - und das bei einem Mietpreis von 11 Mark kalt.

Eine Wohnung, die mehr ist als Schlaf- und Kochstelle

Weil die Wohnungen ungeheuer begehrt sind, hat der Verein vor kurzem noch ein weiteres Gebäude eingeweiht. Auch hier liegt die Gemeinschaft im architektonischen Mittelpunkt, im Zentrum des knallorange gestrichenen Gebäudes öffnet sich ein riesiger Raum, der Waschmaschinen und Trockner, eine Bibliothek, einige Computerarbeitsplätze und eine große Küche aufnimmt - durch abenteuerlich schräge Glaswände getrennt und über eine sich steil emporwindende Rampe miteinander verbunden. Getrennt und verbunden - dieses Paradoxon ist das Leitthema von BKK-3. Auch in den Wohnungen, von denen viele aus Kostengründen nur 30 bis 70 Quadratmeter groß sind, verleihen Sumnitsch und Winter selbst beengtesten Grundrissen eine eigene Dramaturgie. Statt Wände aufzustellen und die offene Fläche in eine feststehende Ordnung zu pressen, unterteilen sie viele der Wohnungen durch verspringende Decken und Fußböden, Treppen und Rampen. Dadurch verschwenden sie Raum, denn natürlich lassen sich auf den Schrägen keine Möbel aufstellen - doch wirkt diese Verschwendung belebend, ergeben sich dadurch selbst in kleinsten Wohnungen unterschiedlichste Wege, Perspektiven und Stimmungen.

Kein profitorientiertes Wohnbauunternehmen hätte sich auf diese schiefen Ebenen begeben, im Verein aber fanden die Architekten aber großen Rückhalt: Sie erklärten, verhandelten, ließen nicht locker, durften am Ende bauen - und das Wohnen dem Gewohnten entreißen. Das Haus von BKK-3 ist nicht mehr nur Koch- und Schlafstelle, sondern ein Ort, der für alles offen steht. Für Rückzug wie für Gemeinschaft, für Mobilisten und für Heimatbedürftige. Programmiert ist hier nur das Unprogrammierte; nicht die Intelligenz der Wohnmaschinisten zählt, sondern die Lebenslust der Bewohner und ihrer Architekten.

                                          15. August 2001 (c) ZEIT.DE                                          

 

Andrea Hurton

16.9.2000

preopening

 

______________________________________BUILDING  21

 

MISS Sargfabrik

A-1140 Vienna, Missindorfstrasse 10

 

- MISS is a project satisfying the hybrid needs of the urban human beeing of the 21st century.

housing – working – living – dreaming – common ground instead of lonelyness – individuality –community – experience of space – challenges – resting places – spaces for living - spaces of adventure - landscape-spaces - spaces of pleasure – these are no more opposites, but new challenges for architecture

 

-         MISS sets new standards in architecture:

In this prototypical project BKK-3 has managed to unify „layers“ of an idea, which until now has been said to be incompatible, an idea usally called „social housing“. There is no lack of trendy terms which try to discribe the lifestyle of the 21st century, but hardly any representative project has been realized. BKK-3´s concept was to create a piece of evolutionary architecture, to create space for development. Some of the project´s roots are to be found in the examplary tradition of Viennese social housing, others take up communitarian ideas as they were already realized some years ago in the project “Sargfabrik”, integrating culture and housing. From today´s view, as the term communitarism is in everybody’s mouth, you can really call the principle ideas of the Sargfabrik avantgardistic.

Building 21: the architectonical concept is boundless and wants to create new qualities by synthesis. There is much futurism to be found in the concept of MISS Sargfabrik, a futurism that is not only to be understood in a technoid way, but satisfies the individual needs of the user. The principal idea of MISS Sargfabrik is to unify ideas under the tension of their opponents.

 

MISS Sargfabrik offers Real Luxus on demand made by BKK-3:

-         Grassroots democracy stands versus thinking in a masterplan.- All the inhabitants live in the dwelling of their desire. In each appartment individual ideas have been paid attention to in terms of design and detail: Flexibility therefore is more than a word, every flat is an experience on ist own.

-         “Living a good live” in sculptural space and habitable landscapes is no longer a privilege of the rich.

The 39 units form a sort of cooperative home. MISS is affordable. The inhabitant’s general view of life contributes more to the project than their bank account.

-         Why do new buildings have to have narrow rooms?! MISS offers the luxury of high ceilings also in small appartments of between 50 and 60m2 size. The average ceiling height ranges between 2,26 and 3,12 metres. Ecology, low energy, heating hidden in the walls -protecting the eye from unesthetical radiators- are part of the standard.

-         The inhabitant creates his own life style! Sloping floors and oblique ceilings challenge the inhabitant´s creativity. MISS Sargfabrik = CHALLenger!

-         Living in a flat is not work one is obliged to carry through. This is not a “speedy” house. It opens by many ways, but always keeps calmness and composure. MISS Sargfabrik = CHILLenger!

-         Small windows for small rooms? What an old-fashioned idea! Glass fronts create real luxury, luxury of light, transperency and sun.

-         Some duplex-and triplex- units represent space with multifunctional character.

-         MISS never gets boring. Every space, every room offers a different kind of experience an adventure every day.

-         Community? – Yes, please! –Being on your own? – Sometimes the most wonderful thing in life. The principle idea is to offer retreat and openness at once, not only referring to the glass fronts which open to an idyllic “arcade”, but as well and in the figurative sense to solutions regarding the community. MISS´s community space is a cross-over between library, high-tech-community-kitchen, TV-room, homeoffice, laundry room and a chill-out-zone with an organically shaped sofa. It is a common living room outside of your own home which can –even for bigger events- be arranged in modules. All these features are situated in the heart of the house and somehow represent it´s nuclear cell.

-         It’s the people! MISS Sargfabrik is distinguished by heterogenity. Among the 39 living units there is a flat sharing community for teenagers of the city council, three units equipped for wheelchair-users, so called “flex-boxes” –little aparments for students with a one year´s lease and flats in combination with home-offices, having a private and a public entrance.

 

Andrea Hurton

(Free journalist)

 

Andrea Hurton

16.9.2000

preopening

_____________________________________________BUILDING  21

 

DIE zukünftige FUNKY DIVA unter dem Himmel über Wien!

 

MISS Sargfabrik

1140 Wien, Missindorfstrasse 10

 

 Die einzigartigen Vorzüge von MISS Sargfabrik:

- Sie befriedigt die hybriden Bedürfnisse von urbanen Menschen des 21. Jahrhunderts.

Wohnen – Arbeiten – Leben – Träumen - Gemeinsamkeit-statt-Einsamkeit – Individualität –Community - Raum-Erfahrungen – Herausforderungen – Ruhezonen - Wohn-Landschafts-Abenteuer-Genuss-Räume – sind keine unvereinbaren Gegensätze, sondern neue Herausforderungen an die Architektur.

 

 -         Sie setzt Mass-Stäbe in der Architektur.

BKK-3 hat sich – erstmals in der Geschichte und Gegenwart einer Idee, die unter dem Begriff „sozialer Wohnbau“ in unseren Köpfen firmiert – die Aufgabe gestellt, „Schichtungen“ von Ideen, die bisher als unvereinbar galten, in einem beispielgebenden Projekt umzusetzen. An trendigen Begriffen, die das Lebensgefühl des 21. Jahrhunderts zu beschreiben versuchen, mangelt es nicht, sehr wohl aber an konkreten Umsetzungen. Das architektonische, Entfaltungs-Raum-schaffende Konzept von BKK-3 stellt ein Stück evolutionärer Architektur dar. Manche der ideellen Wurzeln streifen die beispielhafte Wiener Tradition des sozialen Wohnbaus; andere greifen kommunitaristische Gedanken auf, wie sie im integrativen Wohn- und Kultur-Projekt Sargfabrik vor einigen Jahren bereits verwirklicht wurden. Aus heutiger Sicht, wo der Begriff Kommunitarismus in aller Munde ist, kann man das Ideen-Gebäude der Sargfabrik mit gutem Grund als avantgardistisch bezeichnen.

Building 21 ist ein architektonisches Konzept, in dem die Grenzen verfliessen und durch Synthese neue Qualitäten entstehen. Im Konzept der MISS Sargfabrik stecken grosse Stücke eines Futurismus, der allerdings nicht bloss technoid angehaucht ist, sondern auf die individuellen Bedürfnisse der Menschen abgestimmt ist. Die kreative Spannung des Gegensätzlichen, die Vernetzung von Ideen ist das Hauptthema der MISS Sargfabrik.

 

MISS Sargfabrik bietet Real Luxus on demand made by BKK-3:

-         Basis-Demokratie vor Grundriss-Denken. Alle BewohnerInnen leben in ihrer Wunsch-Wohnung. Bei sämtlichen Wohnungen wurden individuelle Gestaltungs- und Detailwünsche berücksichtigt. Flexibilität ist hier mehr als ein Wort: jede Wohnung ist ein Erlebnis.

-         Das „gute Leben“ in Raum-Skulpturen und Wohn-Landschaften ist kein Privileg der Reichen.

Die 39 Wohneinheiten bilden ein genossenschaftsähnliches Wohnheim. MISS Sargfabrik ist erschwinglich. Entscheidender als der Kontostand ist die Lebens-Einstellung der BewohnerInnen.

-         Schluss mit dem Niedrig-Raum-Komplex von Neubauten. In der MISS bieten auch Kleinwohnungen zwischen 50 und 60 m2 den Luxus von Altbauraumhöhen. Die durchschnittliche Raumhöhe variiert von 2,26 bis 3,12 Meter. Ökologische Standards, Niedrigenergie und verdeckte Wandheizungen, die den Anblick unästhetischer Heizkörper ersparen, gehören ebenfalls zum Standard.

-         Du bist dein Lebens-Gefühl-Entrepreneur! Schräge Böden, schräge Decken fordern die Kreativität der BewohnerInnen heraus. MISS Sargfabrik = CHALLenger!

-         Wohnen ist keine Arbeit, die man auf sich nehmen muss. Dieses Haus hat keine Geschwindigkeit. Es öffnet sich nach innen auf die vielfältigste Weise, bewahrt aber Ruhe und Gelassenheit.

MISS Sargfabrik = CHILLenger!

-         Kleine Fenster für kleine Räume? Altes Denken! Glasfronten schaffen den begehrten RealLuxus von Licht, Transparenz und Sonne. Manche Maisonette-Wohnung wird gar zum spaceigen Wohnraumspace mit multifunktionalem Charakter.

-         Die MISS ist nie langweilig. Jeder Raum bietet ein täglich ein eigenes Erlebnis und erfrischend neues Raumgefühl.

-         Gemeinsamkeit? – Ja, bitte! Alleinsein? – Manchmal das Schönste. Rückzugsmöglichkeit und Öffnung zugleich gehören zu den gedanklichen Grundprinzipien. Dies bezieht sich nicht nur auf die Glasfronten, die sich zum idyllischen Laubengang hin öffnen, sondern im übertragenden Sinn auch auf die beispielhaften Community-Lösungen. In der MISS Sargfabrik ist der Gemeinschaftsraum ein Cross-Over: Bibliothek – High-Tech-Gemeinschaftsküche mit allen Schikanen – Fernsehraum – ausgelagertes, modulartig arrangierbares Wohnzimmer für grössere Einladungen – Teleworking-Raum - Waschküche + der Luxus eines organisch geformten Sofas. Und das alles liegt nicht irgendwo im räumlichen Abseits, sondern stellt gewissermassen eine Kernzelle des Hauses dar.

-         It’s the people! MISS Sargfabrik zeichnet sich durch Heterogenität aus. Unter den 39 Wohneinheiten befinden sich eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft der Stadt Wien, drei rollstuhlgerechte Behindertenwohneinheiten sowie „Flex-Boxes“, Kleinappartements für StudentInnen, die jeweils für ein Jahr vermietet werden.    

 

MISS Sargfabrik ist ein Architektur-Organismus, ein Kunst-Wohn-Raum-Objekt, das neue Standards setzt. Feel the Vibes! Yeah!

 

By andrea hurton

DER STANDARD

02. Dezember 2000


WOHNEN


Besser als der Karl-Marx-Hof

Die neue "Miss Sargfabrik" in Penzing bietet Begleiteinrichtungen zum Wohnen

Wien - Nach der Änderung der Wohnbauförderung sind sie in Wien schon lange aus den Grossanlagen verschwunden:  Begleiteinrichtungen zum Wohnen, die mehr bieten als nur den Kinderspielplatz mit der obligaten Sandkiste, wo sich Menschen außerhalb ihrer vier Wände ohne Konsumzwang treffen können.

Aber es wäre nicht Wien, wenn es nicht auch die Ausnahme gäbe. Und die heißt ganz cool: "Miss Sargfabrik" in der Penzinger Missindorfstraße. Das ist die (bessere) Zweitauflage der "Sargfabrik", die der "Verein für integrative Wohnformen" ins Leben gerufen hat, als Wohnheim betreibt und damit Geld für diese Begleiteinrichtungen hat.

Dort im Bau der Architektengruppe Bkk-3 (Johann Winter, Franz Sumnitsch) gibt es, wie einstmals im Karl-Marx-Hof, eine Bibliothek und den Waschsalon.

Fast ein Cafe

Und weil seit den heroischen Tagen des "Roten Wien" schon einige Zeit vergangen ist, finden sich ergänzend zum klassischen Angebot in der neuen orangefarbenen "Miss Sargfabrik" auch Computerterminals. Doch damit hat die flotte "Miss nicht alle ihre Qualitäten ausgespielt. Die Architekten haben ein minzegrünes Ambiente geschaffen, das eigentlich einem klassischen Wiener Kaffeehaus nahe kommt.

Hier sind die Menschen nicht zu Hause und doch nicht an der frischen Luft, außerdem kommen sie in den Genuss einer Architektur mit schrägen Rampen, flachen Stiegen und witzigen Durchblicken - seltenes Beispiel für eine Baukunst, die funktional und gleichzeitig expressiv ist. (gw)

DER STANDARD

27. September 2000

Der Trick mit dem Knick

"Miss Sargfabrik" - die bessere Art, in Wien günstig zu wohnen


Gert Walden

Wien - Im Gegensatz zur Bundesregierung halten gute Architekten ihre Versprechen. Vor einem Jahr noch war die Wohnheimanlage "Miss Sargfabrik" in Wien-Penzing das innovativste Wohnbauprojekt dieser Stadt. Nun wissen alle gelernten Architekturverständigen,  dass zwischen Planung und Ausführung der leidvolle Weg der Kompromisse und Abstriche gegenüber Genossenschaften und Generalplanern liegt.

Nicht so beim Projekt der Architektenteams BKK-3 (Johann Winter, Franz Sumnitsch), das vom "Verein für integrative Lebensgestaltung" getragen wird: "Miss Sargfabrik" hat sich ihren jugendlichen Charme und ihre architektonische Qualität bewahrt.

Das Konzept der Architekten beruht auf einer seltenen Mischung von ökonomischer Intelligenz und architektonischer Konsequenz. Selbst beim schwierigen Typus der Garconnieren entstanden Raumsituationen, die Enge und Weite, Höhe und Tiefe der Dreidimensionalität ausspielen. Hier ist nichts mehr von der Tristesse der üblichen Wiener Wohnbauschachteln zu spüren, die ihre Benutzer auf Papa-Mamma-Bubi-Mädi-Grundrisse verteilen. Dafür sorgt auch ein wenig die orange Fassadenfarbe im grauen Gründerzeitviertel.

Das volle 3D-Erlebnis wird durch eine sinnvolle, wie einfache Idee erreicht. Die Wände zwischen den Wohnungen sind geknickt, sodass jeweils zwei unterschiedliche Raumkonfigurationen entstehen: eine mit erweiterter Wohnungsmitte, eine andere "extrovertierte" mit größerer Öffnung zur Fassade hin. Dazu kommen noch die unterschiedlichen Raumhöhen in den einzelnen Wohnungen, sodass auch schräge Ebenen eingezogen werden können. Bei den größeren Wohnungen erhöht sich noch der raumliche Reichtum. Da gibt es auch Galerien und zwei Wohngeschoße. Aber eines verbindet alle 38 Einheiten, die von einem Clubraum, einer Bibliothek und einem Waschsalon begleitet werden.

Die Leute vom BKK-3 haben keine selbstgefälligen Kunstwerke geschaffen, sondern funktional sinnvolle Behausungen, die gleichzeitig wertvolle Architektur sind. Die architektonische "Funktionalismus" lässt sich auch an der Fassade der Eingangsseite ablesen: Die abgetreppten Decken sind wie in einem Scherenschnitt von außen sichtbar. Von ihrer Idee sind die Baukünstler selbst überzeugt: sie haben ihr Atelier in der "Miss Sargfabrik".

Architekten BKK-3
Missindorfstr. 10, 1140 Wien
Tel. (01) 786 93 93
http//:www.bkk-3.com


DER STANDARD

29. September 2000

WOHNEN IN WIEN


Das pralle Leben in der ehemaligen Sargfabrik

Umfassende Integration als "private" Pionierleistung

"Statt Badeschluss bleibt nur die Wahl - Badehaus bleibt international", wird auf kleinen Plakaten in der "Sargfabrik" verkündet. Denn das Badehaus in dem inzwischen legendären alternativen Wohnprojekt in der Goldschlaggasse im 14. Bezirk ist tatsächlich weit mehr als "das zweite kostendeckende Bad in Wien - nach dem Margaretenbad", wie Projektleiter Rainer Tietel grinsend betont. Es ist einer der Brennpunkte, wo das Konzept der integrativen Wirkung des Gebäudes in einem Grätzel mit hohem Ausländeranteil voll aufgegangen ist.

Dort, wo schon von der Infrastruktur ein multikulturelles Angebot bereitsteht - von der finnischen Sauna über das römische Tepidarium bis zum türkischen Hamam - kommen sie alle zusammen. Da treffen sich die "Mistbuam", pensionierte Mistwagenlenker, genauso wie die Bauchtanzgruppe und die türkische und arabische Bevölkerung der Umgebung. Da gibt es exklusive "Frauenbadefreuden", Baby-Schwimmen am Nachmittag und das abendliche Schwulen-Schwimmen.

Integration von vielen Lebensformen

"Integration war immer schon ein Hauptthema bei uns - eigentlich die Nummer eins der politischen Ansprüche", betont Robert Korab, einer der "Sargfrabrikler" der ersten Stunde. Und nicht zu Unrecht haben sich diese alternativen Bauträger im "Verein für integrative  Wohnformen" organisiert. Das wichtigste Anliegen sei gewesen, "die verschiedensten Lebensformen hier zu ermöglichen. Alte und Junge, Behinderte - und Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen. Genau das, was die Eigenschaft der Urbanität ist, was die Stadt von selbst macht", beschreibt Korab den Anspruch, mit dem die Gruppe an das Projekt heranging.

Ein Anspruch aber, der nicht immer, wie gewünscht, in allen Bereichen umgesetzt werden konnte. Nach der jahrelangen  Vorbereitungs- und Planungsarbeit für das erste Bauwerk auf dem Gelände der ehemaligen Sargfabrik in der Goldschlagstraße war es im Frühjahr 1996 zur Vergabe gekommen: Bis zuletzt waren drei Wohnungen für Flüchtlinge freigehalten worden, "trotz ökonomischer Einbußen, weil wir weit mehr Interessenten als Wohnungen hatten", so Korab. Allein: Es konnten weit und breit keine Financiers gefunden werden. Letztendlich zogen dann Migranten in diese Wohnungen ein.

Die "Miss Sargfabrik" ein Spross im Grätzel

Diesen Monat wurde nun ein "Spross" der Sargfabrikler eröffnet: Die "Miss Sargfabrik" - benannt nach der Missindorfstraße, in der sie steht. Und auch jetzt ist es nicht immer leicht für Migranten, an diesem Projekt teilzunehmen: "Es ist leider meist zu teuer", weiß  Korab. Auch beim Miss-Projekt musste im letzten Moment eine Familie absagen, die finanziell einfach nicht mithalten konnte. Obwohl in den Sargfabriken eine interne "Mietbeihilfe" geleistet wird: Die Einwohner zahlen einen so genannten Sozialschilling in einem Topf ein, aus dem dann bedürftige Mitbewohner anonym unterstützt werden.

Eine andere Ursache: "Wir kommen an die Zielgruppe nicht heran, weil die meist Eigentumswohnungen sucht." Während die  bisherigen zwei Sargfabriken nicht einmal als Mietwohnungen, sondern vielmehr als "Heimbetrieb" geführt werden. Daher wird bereits überlegt, bei einem weiteren Projekt möglicherweise auch Eigentumsbildung zu ermöglichen.

Dafür klappt es in anderen Bereichen umso reibungsloser. In beiden Objekten gibt es je drei Wohnungen für betreutes Altenwohnen - in eine zog auch eine Frau ein, die bereits in einem Altenheim gelebt hatte, aber dafür noch viel zu aktiv war - und nun in der neuen Umgebung aufblüht. Inzwischen ist sie als Babysitterin aktiv, wäscht die Badetücher im Badehaus, hilft bei der Buchhaltung.

Dazu kommen die Jungen: In die "Miss Sargfabrik" ziehen nun auch Jugendliche ein, die bisher in der "Stadt des Kindes" gelebt hatten und nun im Zuge der Dezentralisierung dieser Einrichtung hier wohnen werden. In der "alten" Sargfabrik wiederum wird ein  Integrationskindergarten mit muttersprachlichen Betreuerinnen betrieben.

Was die Außenwirkung der Sargfabriken auf das Grätzel betrifft, ist manches Erhoffte ausgeblieben. "Da gibt es nun einmal das türkische Lokal, das griechische, den Italiener und das klassische Beisl - während unser Restaurant sich doch eher zu einem Szenelokal entwickelte", weiß Korab. Anderes hingegen besitzt eine umso größere Anziehungskraft. Wie eben die multikulturelle Badeanstalt.

ähnliche Magneten für das Umfeld sind die Veranstaltungen, die vom Sargfabriks-Geschäftsführer Ernst Perbin-Vogl organisiert werden. Und das sind nicht nur die hochwertigen Jazzkonzerte im Veranstaltungssaal oder die Abende, die der "World-Music" von Künstlern der Dritten Welt oder aus Südosteuropa gewidmet sind.

Das ist nun auch der "Tanz am Stadtrand", der regelmäßig für die Kids aus dem Matznerpark veranstaltet wird. Und dieser Park "ist ein Brennpunkt", weiß Perbin-Vogl. "Letztes Jahr gab es dort auch einmal eine Stecherei." Jetzt gibt es draußen eine Parkbetreuung - und hier drinnen das Clubbing, wo die Kids vorher selbst dekorieren und dann von 17 bis 22 Uhr auflegen und so richtig abtanzen können. Aber das ist nur ein Thema - ein anderes ist die Disco für Rollstuhlfahrer, ein weiteres ist das "Tiberius Fetisch-Event" namens "perVienne".

"Wir sind private Vorreiter, die in ihrem Umfeld Integration wollen", ist Korabs Resümee. "Aber das zu einem sehr hohen Preis. An sich ist es jetzt an der öffentlichen Hand, dies zu übernehmen und zu tragen."

DER STANDARD

12. Mai 1999

"Miss Sargfabrik" - Wohnbau mit verschiedenen Ebenen

Der erste Bauteil auf dem Areal der alten Penzinger Sargfabrik war ein Erfolg. Nun zeigen Johann Winter und Franz Sumnitsch im Folgeprojekt, daß das Konzept gegen die geförderte Wohnbau-Tristesse noch besser werden kann.


Gert Walden

Wien - Wer von den den Wiener Wohnbaukisten der vergangenen Jahre genug hatte, übersiedelte in die Penzinger "Sargfabrik". Der Erfolg des Projekts, das vom Verein für integrative Lebensgestaltung getragen und vom Baukünstlerkollektiv geplant wurde, findet nun  eine Fortsetzung - unter dem Marketingtitel "Miss Sargfabrik".

Die Architekten Johann Winter und Franz Sumnitsch sowie der Verein haben in mehrfacher Hinsicht dazugelernt. Zunächst einmal wurden im neuen Bauabschnitt an der Missindorfstraße der Anteil der Garconnieren auf die Hälfte der insgesamt 40 geförderten Wohneinheiten erhöht.

Neu aber auch in der planerischen Konsequenz des ersten Teils der "Sargfabrik" ist die räumliche Organisation besonders im Bereich der Kleinwohnungen. Die Garconniere als Synonym für eine minimale Wohnschachtel gilt in der "Miss Sargfabrik" nicht. Winter und Sumnitsch haben es geschafft, daß auch die Kleinwohnungen zwischen 35 und 50 Quadratmeter ein 3D-Erlebnis bieten.

Folgenreicher Knick

Die Idee ist so einfach, wie sinnvoll. Statt der üblichen, platten Trennwände haben die Mauern zwischen den Garconnieren einen Knick. Auf diese Weise entstehen zwei unterschiedliche Raumkonfigurationen: es gibt da die introvertierte Variante, die eine erweiterte Wohnungsmitte umfaßt und eine extrovertierte Konstellation, wo die Öffnung zu den Fassaden hin dominiert. Außerdem ist durch die unterschiedlichen Raumhöhen innerhalb der Wohnungen das Einziehen einer schrägen Ebene möglich geworden, sodaß auch innerhalb der Garconnieren Enge und Weite in der Vertikalen spürbar sind. "Höhle oder Zelt" - beide archetypischen Spielarten der Behausung nach Gottfried Semper sind also möglich, und sie wurden auch von den "Wohnungswerbern" angenommen, was übrigens beim Ansuchen um Wohnbauförderung durchaus nützlich war, weil bereits auf Vorvermietungen hingewiesen werden konnte.

Bei den größeren Einheiten zwischen 70 und 120 Quadratmeter ist das Wohnen auf verschiedenen Ebenen noch ausgefeilter. Sogar drei Triplexwohnungen mit Option auf einen eigenen Arbeitsraum sind vorgesehen. Die Wohnungsstruktur ist nicht nur im Inneren wahrnehmbar, an der Schmalseite der Fassade läßt sich der Schnitt durch die Wohnungen ablesen. Struktur und Funktionsgliederung wurden damit zum Emblem für das Bauvorhaben.

Leben in Gemeinschaft

"Integratives Wohnen" bedeutet aber in der "Miss Sargfabrik" auch: ein Clubraum für Jugendliche, Platz für Teleworker, eine Gemeinschaftsküche und Bar, sowie Bibliothek und ein kleiner Waschsalon. Für diese wichtigen Einrichtungen sind immerhin rund 260 Quadratmeter Flächen vorgesehen, während die Wohnnutzfläche 2850 Quadratmeter ausmacht. Die künftigen Bewohner werden am 1. Mai 2000 einziehen.

RADIO Ö1 ORF/ON/KULTUR 20.09.2000             

Traum in Orange

Die Miss Sargfabrik in der Missindorfstrasse setzt auf integratives Wohnen, außerdem wurden die Erfahrungen der Bewohner der Sargfabrik Nr. 1 in der Planung berücksichtigt.
Von Sabine Oppolzer

Die Sargfabrik Nr. 2 ist ein einheitlicher Baukörper in frischem Orange. Die Trennung zwischen Fassade und Dach ist aufgehoben, der Putz reicht bis an den Horizont. Aufgrund der durchgängigen Fensterbänder scheint die Fassade des viergeschoßigen Baus wie quergestreift. Rein optisch ähnelt dieser wieder von den BKK-3 Architekten Johann Winter und Franz Sumnitsch entworfene  Erweiterungsbau dem ersten Projekt, "weil wir", so der Projektleiter Rainer Tietel, "zeigen wollten, dass so ein Projekt der Mitbestimmung kein Unikat sein muss, sondern weitergehen kann."

Schräge Decken

Auf dem Teil der Fassade, der auf die Missindorfstraße geht, spiegelt sich durch die geknickten Fensterbänder das Innenleben des Gebäudes: die Bewegung der schrägen Geschoßdecken. Denn das Raumerlebnis der Atelierwohnungen ist durch Deckenschrägen geprägt. Die Deckenschräge des einen Stockwerks entspricht jeweils der Fußbodenschräge der nächsten Etage. Auch die Trennwende zwischen den einzelnen Wohnungen weisen Knicke auf. Keine Wohnung gleicht der anderen.

Nur eines haben alle Wohnungen gemeinsam. Durch die unorthodoxe Raumaufteilung und die Fenster, die sich jeweils über die gesamte Außenfront ziehen, wirken sie größer als sie sind

Konzipiert wurde der Erweiterungsbau der Miss Sargfabrik als Einheit mit der alten Sargfabrik. Die Bewohner ließen ihre Erfahrungen in mehreren Feed-Back-Runden einfließen. So erzählt eine Bewohnerin, dass vor allem die Zweigeschoßigkeit ein heiss diskutiertes Thema war. "Wir wollten keine zweigeschoßigen Wohnungen mehr, weil wir alle älter werden und es ja auch Wohnbedürfnisse gibt, die mit Stiegen nicht gut vereinbar sind."

So wurden in der 2. Sargfabrik in erster Linie kleinere Wohneinheiten für Studenten und Alleinerzieher geschaffen. Erst als zwei Geschoße restlos vergeben waren, wurde mit den zukünftigen Bewohnern die konkrete Planung ihrer Wohnungen, genannt Boxen, begonnen.

Für den Architekten Johann Winter ist eine solche architektonische Qualität neben den drei Dimensionen im Raum nur durch eine vierte Dimension möglich. Und die heißt: soziale Kompetenz

In der alten Sargfabrik gibt es daher ein Badehaus, einen Kindergarten, einen Veranstaltungssaal und ein Cafe-Restaurant. Erweitert wurde dieses Angebot jetzt durch diesen multifunktionalen Gemeinschaftsraum, der eine Küche genauso beinhaltet wie einen Waschsalon oder Telearbeitsplätze und sich über drei Etagen erstreckt.

Finanziert wurde das gesamte Projekt aus den Mitteln der Wohnbauförderung, auch wenn es sich um ein Wohnheim neuen Typs handelt, deren Bauträger der Verein für integrative Lebensgestaltung ist. So gibt es hier drei behindertengerechte Wohnungen, einen Clubraum für Jugendliche, Wohneinheiten für Studenten und für Flüchtlinge aus Bosnien. Einziehen wird auch die sozialpädagogische  Wohngemeinschaft "Heim 2000" mit Kindern, die derzeit in Heimen untergebracht sind. Durch diese Klassifizierung als Wohnheim wird die Sargfabrik für Gemeinschaftseinrichtungen mit plus 20% gefördert.